Stand: 17. Oktober 2026
Klaus Schindling (CDU) ist seit 2016 Bürgermeister von Hattersheim am Main. Am 17. Oktober 2026 hat ihn unsere Fraktion im Stadtparlament zum Rücktritt aufgefordert. Nach Angaben der Fraktion hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen ihn erhoben, wegen Untreue in neun Fällen und wegen einer versuchten Nötigung (zur Pressemitteilung).
Wie es dazu kam, ist eine längere Geschichte. Sie handelt von einer Stadt, die stark auf Rechenzentren gesetzt hat, und von einem Bürgermeister, der gleichzeitig im Vorstand des Rechenzentrums-Verbands sitzt. Dazu kommen Ermittlungen und Beschäftigte, die seit Januar 2025 keine Zulagen mehr bekommen. Viele Informationen stammen aus Schindlings eigenen Aussagen gegenüber der Presse, das kennzeichnen wir jeweils. Alle Quellen sind am Ende verlinkt.
Für Klaus Schindling gilt in allen laufenden Verfahren die Unschuldsvermutung.
Wer ist Klaus Schindling?
Klaus Schindling wurde 1968 in Frankfurt-Höchst geboren und wuchs in Kriftel auf. Er studierte Jura in Mainz und war vor seiner Wahl Unternehmer, zuletzt Mitgesellschafter einer Abfallentsorgungsfirma im Frankfurter Westhafen. In der CDU ist er seit seinem 22. Lebensjahr, ab 2005 saß er im Hattersheimer Stadtparlament (Wikipedia).
Bei der Bürgermeisterwahl im März 2016 lag er im ersten Wahlgang mit 38,4 Prozent hinter der damaligen Bürgermeisterin Antje Köster (SPD), die auf 47,0 Prozent kam. Die Stichwahl gewann er knapp mit 50,5 zu 49,5 Prozent (hessenschau). 2022 wurde er mit 75,5 Prozent wiedergewählt, bei einer Wahlbeteiligung von 45,6 Prozent (hessenschau). Seine Amtszeit läuft bis 2028.
Als Bürgermeister leitet er die Stadtverwaltung, ist Vorgesetzter der städtischen Beschäftigten und Vorsitzender des Magistrats. Er ist damit auch dafür verantwortlich, dass die Stadt ihr Geld nach den Regeln ausgibt.
Die Geschichte auf einen Blick
Von der Wahl 2016 bis zur Rücktrittsforderung 2026: die wichtigsten Stationen.
Hattersheim setzt auf Rechenzentren
In Schindlings Amtszeit wurde Hattersheim zu einem der wichtigsten Rechenzentrums-Standorte im Main-Taunus-Kreis. Das Rhein-Main-Gebiet ist für die Branche besonders attraktiv, weil in Frankfurt einer der größten Internetknoten der Welt liegt. Heute stehen und entstehen in Hattersheim zwölf Rechenzentrumsgebäude an drei Standorten, acht davon sind in Betrieb.
Die Fläche ist für Jahrzehnte vergeben. Ein Rechenzentrum steht 20 bis 30 Jahre, und in dieser Zeit kann dort nichts anderes entstehen: kein Handwerksbetrieb, keine Wohnungen, keine Grünfläche.
Klaus Schindling im Vorstand des Rechenzentrums-Verbands
2021 trat die Stadt Hattersheim als erste Kommune der German Datacenter Association (GDA) bei, und ihr Bürgermeister wurde Mitglied im Vorstand (GDA, DataCenter-Insider).
Die GDA wurde 2018 in Frankfurt gegründet. In ihr haben sich Betreiber und Inhaber von Rechenzentren zusammengeschlossen. Nach eigener Darstellung will sie die Rahmenbedingungen für Rechenzentren in Deutschland verbessern und ihre Wahrnehmung in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik stärken (GDA). Sie vertritt also die Interessen der Branche gegenüber der Politik. 2024 lud Schindling gemeinsam mit der Verbandsvorsitzenden zu einem Treffen nach Hattersheim ein. Dabei ging es darum, wie Kommunen von Rechenzentren profitieren können (GDA).
Aus unserer Sicht passt das nicht zusammen. Als Bürgermeister entscheidet Schindling mit darüber, wo in Hattersheim Rechenzentren gebaut werden dürfen. Gleichzeitig sitzt er im Vorstand des Verbands, der die Interessen genau dieser Branche vertritt. Ob das rechtlich ein Interessenkonflikt ist, hat bisher niemand entschieden. Politisch ist es eine berechtigte Frage.
Widerstand am Friedhof
Anfang 2024 ging es um drei weitere Rechenzentren im Gewerbegebiet Nord, auf rund 7,3 Hektar Ackerfläche direkt am Hattersheimer Friedhof. Die Bürgerinitiative BiENE Hattersheim sammelte gegen den Bebauungsplan 4.684 Unterschriften (BiENE).
In einer Bürgerversammlung fragte ein Bürger Schindling direkt, ob er wegen seines Vorstandspostens in der GDA einen Interessenkonflikt habe. Schindling verneinte. Im Verband sei er nur dafür zuständig, interessierten Kommunen Erfahrungen mit der Ansiedlung von Rechenzentren weiterzugeben (Hattersheimer Stadtanzeiger).
Das Stadtparlament beschloss den Bebauungsplan 2024. Seit Anfang 2026 wird gebaut, gegen den Bebauungsplan läuft eine Klage.
Was die Rechenzentren der Stadt bringen und was sie kosten
Rechenzentren brauchen viel Fläche und viel Strom, schaffen aber wenige Arbeitsplätze. Laut einem Bericht des ZDF verbrauchen allein die sieben Rechenzentren von NTT an der Voltastraße rund doppelt so viel Strom wie die ganze Stadt Hattersheim (ZDFheute). Ein Teil der Abwärme wird genutzt: Ein Rechenzentrum heizt über den Energieversorger Mainova mehr als 600 Haushalte in einem Neubaugebiet (Mainova).
Die Gewerbesteuer von Konzernen mit mehreren Standorten wird nach den Löhnen verteilt, die an jedem Standort gezahlt werden. Wo kaum jemand arbeitet, bleibt wenig in der Stadtkasse. Das schreibt auch das Land Hessen in seinem eigenen Leitfaden für Kommunen (Hessisches Digitalministerium).
In Hattersheim zeigt sich das 2026 deutlich. Die Gewerbesteuer liegt rund sieben Millionen Euro unter Plan. Die Stadt hat deshalb die Grundsteuer B erhöht (Hattersheimer Stadtanzeiger).
Direkt gegenüber dem Außengelände der neuen Kita auf dem früheren Aldi-Gelände stehen rund 40 Notstromdiesel eines Rechenzentrums, die monatlich zum Test anlaufen. Unsere Fraktion hat deshalb im Juni 2026 beantragt, die Luft dort unabhängig messen zu lassen, bevor die Kita in Betrieb geht.
Ermittlungen und eingefrorene Zulagen
Ende 2023: Die Ermittlungen beginnen
Im Dezember 2023 wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Frankfurt und das Hessische Landeskriminalamt gegen Klaus Schindling ermitteln, wegen des Verdachts der Vorteilsannahme. Schindling bestätigte das und sagte, er werde mit den Behörden zusammenarbeiten und gehe davon aus, dass sich die Vorwürfe schnell ausräumen lassen (Hattersheimer Stadtanzeiger).
Dezember 2024: Die Zulagen werden eingefroren
Am 17. Dezember 2024 lud Schindling die Beschäftigten der Stadt kurzfristig zu einer Personalversammlung in die Stadthalle ein. Dort kündigte er an, dass ab Januar 2025 keine Zulagen mehr gezahlt werden, für niemanden (Hattersheimer Stadtanzeiger).
Der Grund war ein Schreiben der Kommunalaufsicht des Main-Taunus-Kreises. Ihr waren zwölf Fälle gemeldet worden, in denen Beschäftigte zu hohe Zulagen bekommen haben sollen. Neun davon prüft sie genauer. Schindling erklärte, warum er trotzdem allen die Zulagen strich: Wenn sich herausstelle, dass zu viel gezahlt wurde, und er trotzdem weiterzahle, könne er sich nicht mehr auf guten Glauben berufen und riskiere den Vorwurf der Haushaltsuntreue.
Ich habe allen Grund zur Annahme, dass die Zahlungen in Ordnung sind.
Wer die Zulagen gemeldet hatte, darüber stritt Schindling öffentlich mit der Ersten Stadträtin Heike Seibert, ebenfalls CDU. Schindling sagte, die Meldung stamme von ihr. Seibert widersprach: Die Zulagen seien nicht Teil ihrer Eingaben gewesen. Als Bürgermeister, so Seibert, agiere man nicht mit Firmenvermögen, sondern mit Steuergeld.
März 2025: Verfahren gegen 20.000 Euro eingestellt
Im März 2025 stellte die Staatsanwaltschaft Frankfurt das Verfahren wegen Vorteilsannahme ein. Die Auflage: 20.000 Euro, je zur Hälfte an die Staatskasse und an einen gemeinnützigen Zweck, aus eigener Tasche (Hattersheimer Stadtanzeiger).
Erst jetzt wurde öffentlich, worum es ging. Nach Schindlings eigenen Angaben ging es um Einladungen zu bis zu fünf Spielen von Eintracht Frankfurt. Eingeladen hatte ihn der Geschäftsführer der HORN GmbH, die von 2019 bis 2021 in Hattersheim den Wohnpark „An der Ölmühle“ mit 343 Wohnungen gebaut hat. Eine solche Einstellung ist kein Urteil und keine Schuldfeststellung. Schindling sagte, er habe auf Anraten seines Anwalts zugestimmt, die Zahlung sei kein Schuldeingeständnis.
Wenige Wochen später gab er im Stadtparlament eine ausführliche Erklärung ab (Hattersheimer Stadtanzeiger). Nach seiner Darstellung hatte es bis dahin drei Ermittlungsverfahren gegen ihn gegeben, die alle eingestellt worden seien. Offen bleibe nur der Vorwurf zu hoher Zulagen an acht Beschäftigte. Die Kommunalaufsicht habe dazu auch die Staatsanwaltschaft informiert. Eine Fachanwaltskanzlei prüfe die Zulagen aller 274 Personen, die welche bekommen. Die SPD griff ihn in derselben Sitzung wegen der Zulagen scharf an.
2026: Kritik, Anklage und Rücktrittsforderung
Kritik aus dem Stadtparlament
Auch 2026 gerieten wir mit dem Bürgermeister mehrfach aneinander. Im Juli kritisierten wir seine Antwort auf unsere Anfrage zum unsicheren Schulweg zur Regenbogenschule. Im selben Monat forderten wir einen Hitzeaktionsplan und wiesen darauf hin, dass die Rechenzentren im Sommer zusätzlich heiße Luft in die Stadt blasen. Im August stellten wir infrage, ob am Maindeich in Eddersheim wirklich nur neun Bäume betroffen sind, wie der Bürgermeister gesagt hatte.
Anklage und Rücktrittsforderung
Nach Angaben der Fraktion Die Linke Hattersheim hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen Klaus Schindling erhoben, wegen besonders schwerer Untreue in neun Fällen und wegen einer versuchten Nötigung. Ob das Gericht die Anklage zulässt und es zum Prozess kommt, ist offen.
Am 17. Oktober 2026 forderten Beate Ullrich-Graf und Hans-Jürgen Rojahn den Bürgermeister zum sofortigen Rücktritt auf (zur Pressemitteilung).
Herr Schindling, wenden Sie Schaden von Ihrem Amt und der Stadt Hattersheim ab und treten Sie sofort zurück!
Was Die Linke fordert
Wir fordern Klaus Schindling auf, zurückzutreten und Schaden von der Stadt abzuwenden. Dabei geht es uns nicht um die Person, sondern um das Amt. Wer das Geld der Stadt verwaltet und über ihre Flächen entscheidet, braucht das Vertrauen der Menschen, die hier leben und arbeiten. Dazu gehören auch die Beschäftigten der Stadt, die seit Januar 2025 auf ihre Zulagen warten, und die Familien, deren Kinder bald neben Notstromdieseln in die Kita gehen.
Wie es weitergeht
Drei Fragen sind noch offen. Über jeden neuen Schritt berichten wir unter Hattersheim aktuell.
Häufige Fragen zu Klaus Schindling
Die wichtigsten Antworten kurz zusammengefasst. Zum Aufklappen auf die Frage klicken.
Ist Klaus Schindling verurteilt worden?
Nein. Nach Angaben der Fraktion Die Linke Hattersheim ist Anklage erhoben. Ob es einen Prozess gibt, entscheidet das Gericht. Bis zu einem rechtskräftigen Urteil gilt die Unschuldsvermutung.
Was hat das Verfahren von 2025 mit der Anklage zu tun?
Das Verfahren wegen Vorteilsannahme wurde 2025 gegen eine Geldzahlung eingestellt, ohne Urteil. Die Anklage betrifft andere Vorwürfe: Untreue und versuchte Nötigung.
Warum bekommen die Beschäftigten der Stadt keine Zulagen mehr?
Weil die Kommunalaufsicht prüft, ob in neun Fällen zu hohe Zulagen gezahlt wurden. Der Bürgermeister hat daraufhin die Zulagen für alle eingefroren, bis die Prüfung abgeschlossen ist.
Wie viele Rechenzentren gibt es in Hattersheim?
Zwölf Rechenzentrumsgebäude an drei Standorten stehen oder entstehen, acht davon sind in Betrieb.
Kann ein Bürgermeister abgewählt werden?
Ja. Mindestens die Hälfte der Stadtverordneten muss das beantragen, zwei Drittel müssen zustimmen. Danach stimmen die Bürger*innen ab. Abgewählt ist der Bürgermeister, wenn die Mehrheit zustimmt und das mindestens 30 Prozent aller Wahlberechtigten sind (§ 76 Hessische Gemeindeordnung).
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Alle Quellen
Presse
- Hattersheimer Stadtanzeiger: Ermittlungen gegen Bürgermeister Schindling, 21.12.2023
- Hattersheimer Stadtanzeiger: Neue Rechenzentren, weitere Offenlage ab 4. März (2024)
- Hattersheimer Stadtanzeiger: Aussage gegen Aussage, 30.01.2025
- Hattersheimer Stadtanzeiger: Verfahren gegen Bürgermeister Schindling eingestellt, 27.03.2025
- Hattersheimer Stadtanzeiger: Bürgermeister äußert sich zum eingestellten Ermittlungsverfahren, 2025
- Hattersheimer Stadtanzeiger: Grundsteuer B steigt auf 850 Prozent
- ZDFheute: Abwärme aus dem Rechenzentrum in Hattersheim
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Rechenzentren
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- Bürgerinitiative BiENE Hattersheim