Stand: 13. Oktober 2026
Gegen Hofheims früheren Bürgermeister Christian Vogt (CDU) liegt eine Strafanzeige vor. Erstattet hat sie Bernd Hausmann, ehemaliger Stadtverordneter der Linken in Hofheim. Das Schreiben an die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main ist auf den 9. Oktober 2026 datiert. Der Vorwurf lautet Untreue zum Nachteil der Stadt Hofheim am Taunus. Die Anzeige richtet sich gegen Vogt und gegen weitere, namentlich nicht genannte Verantwortliche.
Im Kern geht es um die Frage, wie die Stadt in Vogts Amtszeit ihre Investitionen bezahlt hat. Nach Auffassung von Hausmann geschah das über teure Kassenkredite, die das hessische Haushaltsrecht dafür nicht vorsieht. Die Strafanzeige ist der vorläufige Höhepunkt einer Auseinandersetzung, die Hofheim seit fast einem Jahr beschäftigt: Wie konnte eine wohlhabende Stadt so schnell so tief ins Minus rutschen?
Wichtig vorab: Eine Strafanzeige ist keine Anklage und keine Verurteilung. Ob die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufnimmt, entscheidet sie selbst. Für Christian Vogt gilt die Unschuldsvermutung.
- Wer: Bernd Hausmann, früher Stadtverordneter der Linken in Hofheim, hat Strafanzeige gegen Ex-Bürgermeister Christian Vogt und weitere Verantwortliche erstattet.
- Vorwurf: Untreue. Investitionen seien über teure Kassenkredite statt über günstigere Investitionskredite bezahlt worden.
- Kassenkredite: von 2,654 Mio. Euro (Ende 2024) auf 24,365 Mio. Euro (2025).
- Folgen: Die Grundsteuer B steigt von rund 658 auf 1.545 Prozent, bis 2029 sind 2.450 Prozent geplant.
- Stand: Die Staatsanwaltschaft Frankfurt prüft. Ob ermittelt wird, ist offen. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Was Bernd Hausmann Christian Vogt vorwirft
Christian Vogt war von September 2019 bis September 2025 Bürgermeister von Hofheim und zugleich Kämmerer. Damit war er für die Finanzen der Stadt verantwortlich: für den Haushaltsplan, die Stadtkasse und die Kredite.
Hausmann stützt seine Anzeige auf amtliche Zahlen, und zwar auf den Bericht des Magistrats zur Finanzwirtschaft der Stadt (Vorlage STV2026/155), den die heutige Stadtregierung im September 2026 vorgelegt hat. Danach gingen 2024 und 2025 Investitionen in Millionenhöhe zu Lasten der laufenden Kasse, statt über langfristige Kredite finanziert zu werden. Weil das Geld dort nicht reichte, musste die Stadt sogenannte Liquiditätskredite aufnehmen. Von 2021 bis 2023 brauchte Hofheim keine, 2025 waren es über 24 Millionen Euro.
| 2024 | 2025 | |
|---|---|---|
| Investitionen aus der Stadtkasse | 6,84 Mio. € | 6,55 Mio. € |
| Liquiditätskredite (Kassenkredite) | 2,654 Mio. € Ende 2024 |
24,365 Mio. € |
Quelle: Bericht des Magistrats, STV2026/155, Seiten 21 und 22
Ein Liquiditätskredit, auch Kassenkredit genannt, funktioniert für eine Stadt ähnlich wie der Dispo auf dem Girokonto. Er ist dafür da, kurze Engpässe zu überbrücken, etwa wenn Rechnungen fällig sind, bevor Steuern eingehen. Für Investitionen in Gebäude, Straßen oder Fahrzeuge nehmen Städte normalerweise langfristige Investitionskredite auf. Die sind in der Regel günstiger, müssen aber von der Aufsichtsbehörde genehmigt werden.
Genau hier setzt die Strafanzeige an. Nach § 105 der Hessischen Gemeindeordnung (HGO) darf eine Gemeinde Liquiditätskredite nur aufnehmen, „soweit keine anderen Mittel zur Verfügung stehen“. Das hessische Innenministerium stellt in seinen Hinweisen zum Haushaltsrecht klar: Liquiditätskredite sind nur zulässig, um die rechtzeitige Leistung der Auszahlungen sicherzustellen. Sie sind „keine Deckungsmittel“ und müssen zurückgezahlt werden, sobald sie für die Zahlungsfähigkeit der Gemeinde nicht mehr benötigt werden.
Hausmann argumentiert: Wer Investitionen über den teuren „Dispo“ bezahlt statt über einen günstigeren Investitionskredit, verursacht der Stadt Mehrkosten. Das hätte den Verantwortlichen klar sein müssen. Der Schaden für die Stadt lasse sich beziffern. Darüber hinaus bittet er die Staatsanwaltschaft zu prüfen, ob auch die Belastung der Bürger*innen durch höhere Steuern und Gebühren strafrechtlich eine Rolle spielt. Diesen Schaden hält er für ein Vielfaches größer als den direkten Schaden für die Stadtkasse.
Ob die Vorwürfe strafrechtlich tragen, muss die Staatsanwaltschaft klären. Für eine Strafbarkeit wegen Untreue braucht es neben einer Pflichtverletzung auch einen Vorsatz und einen konkreten Vermögensschaden.Vermögensschaden.
Wie Hofheim in die Finanzkrise geriet
Um die Strafanzeige einzuordnen, lohnt ein Blick in die Zahlen des Magistrats. Von 2020 bis 2022 schloss die Stadt jedes Jahr mit einem Plus ab. Danach kippte es: 2023 ein Minus von 4,61 Millionen Euro, 2024 minus 10,39 Millionen Euro, 2025 vorläufig minus 13,19 Millionen Euro. Zusammen sind das 28,19 Millionen Euro Fehlbetrag in drei Jahren. Die Rücklagen von 9,64 Millionen Euro, die Ende 2023 noch da waren, wurden 2024 vollständig aufgebraucht.
Im Oktober 2023 hatte Vogt den Doppelhaushalt 2024/25 eingebracht. In seiner Haushaltsrede versprach er: „Es gibt keine Nettoneuverschuldung.“ Grund- und Gewerbesteuer würden nicht erhöht, und weiter: „Wir tasten die Gebühren, Kindergarten, Friedhof, Abfall, nicht an.“ Das Stadtparlament beschloss den Haushalt im Dezember 2023 mit großer Mehrheit. Tatsächlich lag das Ergebnis 2025 am Ende um 18,41 Millionen Euro unter der Planung.
Spätestens Anfang 2025 war die Lage in der Verwaltung bekannt. Laut Magistratsbericht gingen am 13. Januar und am 21. März 2025 Vermerke der Kämmerei an den Bürgermeister. Das Jahr 2025 begann bereits mit einem Kassendefizit von rund 2,1 Millionen Euro, und zu keinem Zeitpunkt wurde ein positiver Kassenstand erreicht. Zahlreiche Rechnungen wurden erst sehr verspätet bezahlt, und der Kreditrahmen von 15 Millionen Euro war schon im ersten Halbjahr 2025 voll ausgeschöpft (STV2025/203). Die Stadtwerke mussten im März 2025 selbst 6 Millionen Euro Kassenkredit aufnehmen, weil die Stadt ihre Rechnungen nicht pünktlich zahlen konnte. Ein Sparpaket kam erst im Juli 2025: 1,74 Millionen Euro Einsparungen bei einem damals erwarteten Defizit in der Kasse von rund 16,5 Millionen Euro.
Am 30. März 2025 verlor Vogt die Stichwahl um das Bürgermeisteramt in Hofheim gegen Wilhelm Schultze (Bürger für Hofheim) mit 41,5 zu 58,5 Prozent. Laut Magistratsbericht hat die verspätete Berichterstattung über die Finanzlage es dem Stadtparlament erschwert, die Entwicklung früh als zusammenhängendes Problem zu erkennen.
Nach dem Amtswechsel wurde das Ausmaß sichtbar. Anfang Dezember 2025 verhängte die Stadt eine Haushaltssperre. Auch der Landrat als Kommunalaufsicht schrieb an den Magistrat, es sei „weiterhin nicht nachvollziehbar, weshalb die Stadt Hofheim in diese finanzielle Ausnahmesituation geraten ist“ (zitiert in STV2026/125). Ende Juli 2026 lag die Stadtkasse laut Magistrat rund 35 Millionen Euro im Minus, bei einem genehmigten Kreditrahmen von 40 Millionen Euro.
Hofheim ist keine arme Stadt
Was den Fall so auffällig macht: Hofheim hat eigentlich überdurchschnittlich viel Geld. Laut Strafanzeige lag die Steuerkraft pro Kopf 2024 um 30 Prozent über dem Durchschnitt der kreisangehörigen Gemeinden in Hessen. Bei den Investitionsschulden pro Kopf lagen diese Gemeinden im Schnitt sogar um 75 Prozent höher als Hofheim.
Trotzdem gehörte Hofheim 2024 laut Anzeige zu den nur 5 Prozent der kreisangehörigen Gemeinden in Hessen, die ihren Haushalt nicht einmal mit ihren Rücklagen ausgleichen konnten. Für Bernd Hausmann ist das ein Zeichen dafür, dass das Problem weniger bei den Einnahmen lag als beim Umgang mit dem Geld.
Was die Finanzkrise für die Menschen in Hofheim bedeutet
Die Rechnung zahlen heute alle, die in Hofheim wohnen und arbeiten. Am deutlichsten zeigt sich das bei der Grundsteuer. Laut Haushaltssicherungskonzept 2026 bis 2029 steigt die Grundsteuer B von rund 658 Prozent (2025) auf 1.545 Prozent (2026). Für 2027 sind 2.250 Prozent vorgesehen, für 2029 dann 2.450 Prozent. Die Grundsteuer zahlen nicht nur Hausbesitzer*innen, sie landet über die Nebenkosten auch bei Mieter*innen. Bernd Hausmann spricht deshalb von einer „13. Monatsmiete“.
Auch im Alltag wird es teurer. Seit Herbst 2026 steigen laut Stadt Gebühren und Preise, unter anderem für die Stadtbücherei, das Stadtmuseum, die Verpflegung in städtischen Kitas, die Märkte und die Hundesteuer. Für neue Investitionen ist kaum Geld da.
Einen genehmigten Haushalt für 2026 hat Hofheim bis heute nicht. Die Stadt arbeitet in der sogenannten vorläufigen Haushaltsführung nach § 99 HGO und darf damit im Wesentlichen nur Ausgaben tätigen, zu denen sie verpflichtet ist oder die nicht aufgeschoben werden können.
Was Christian Vogt und die CDU dazu sagen
Eine öffentliche Stellungnahme von Christian Vogt zur Strafanzeige ist bisher nicht bekannt.
Die CDU Hofheim sieht die Ursachen vor allem außerhalb des Rathauses (Stellungnahme der CDU Hofheim). Sie verweist auf Energiekrise, Inflation, Tarif- und Besoldungsanpassungen, Zinswende und höhere Kosten für die Unterbringung geflüchteter und obdachloser Menschen. Die Kreis- und Schulumlage lag 2025 um 12,9 Millionen Euro höher als 2021, die Zuweisungen des Landes um rund 6,5 Millionen Euro niedriger. Die CDU räumt allerdings ein, dass die Information über die Finanzlage spät kam.
Die CDU beruft sich dabei auf den Magistratsbericht. Dieser kommt zu dem Schluss, dass sich keine pauschale persönliche Verantwortung des damaligen Bürgermeisters aus den Akten ableiten lasse. Die Vermerke der Kämmerei waren zwar an ihn adressiert, es ist aber nicht dokumentiert, ob und wann er sie gelesen hat.
Diese Punkte gehören zur Wahrheit dazu. Aus unserer Sicht entlasten sie Vogt aber nicht. Äußere Belastungen hatten alle hessischen Städte, und nur wenige sind deshalb so tief ins Minus gerutscht wie Hofheim. Und wenn an der Spitze einer Verwaltung nicht nachvollziehbar ist, ob Warnungen zur Finanzlage überhaupt gelesen wurden, ist das kein Freispruch, sondern selbst ein Problem. Dazu kommt: Der Bericht stammt vom Magistrat, also von der Verwaltung, die hier ihre eigene Spitze bewertet. Eine unabhängige Prüfung ist er nicht.
Was Die Linke bisher unternommen hat
Die Strafanzeige steht nicht allein. Die Linke in Hofheim drängt seit Monaten auf Aufklärung.
Im April 2026 hat das Stadtparlament auf unseren Antrag hin (STV2026/035) mit 28 zu 17 Stimmen beschlossen, die zuständige Stelle um Prüfung zu bitten, ob die im Revisionsbericht des Main-Taunus-Kreises dargestellten Sachverhalte Anlass für ein Disziplinarverfahren gegen den ehemaligen Bürgermeister geben (mehr zu unserem Antrag). Am selben Tag wurde einstimmig beschlossen, dass der Magistrat alle Berichte der Kreisrevision über unangekündigte Kassenprüfungen seit 2024 vorlegt (STV2026/032).
Mit unserer Anfrage „Wo ist das viele Geld geblieben?“ (STV2026/125) haben wir den Magistrat aufgefordert, die Ursachen der Finanzkrise seit 2020 offenzulegen. Der Bericht des Magistrats, auf den sich die Strafanzeige stützt, ist diese Analyse. Und als das Stadtparlament am 30. September 2026 den Magistrat für das Jahr 2023 entlastete, haben wir dagegen gestimmt (Beschluss, 42 zu 2 Stimmen).
Für uns als Linke ist klar: Christian Vogt war als Bürgermeister und Kämmerer für die Finanzen der Stadt verantwortlich. Dieser Verantwortung muss er sich stellen. Aus unserer Sicht reicht die Verantwortung aber über ihn hinaus. Auch Magistrat und Kommunalaufsicht müssen sich fragen lassen, warum niemand früher eingegriffen hat. Die Menschen in Hofheim, die jetzt mehr Grundsteuer und höhere Gebühren zahlen, haben ein Recht darauf zu erfahren, wie es so weit kommen konnte.
Wie es jetzt weitergeht
Die Antwort des Magistrats auf „Wo ist das viele Geld geblieben?“ wurde im Stadtparlament noch nicht beraten und geht in den Finanzausschuss (STV2026/125).
Beratung steht ausDie Staatsanwaltschaft Frankfurt prüft, ob es einen Anfangsverdacht gibt. Nur dann leitet sie ein Ermittlungsverfahren ein. Bis dahin können Wochen oder Monate vergehen.
Prüfung läuftFür 2026 gibt es keinen genehmigten Haushalt. Wir haben beantragt, dass sich die Verwaltung gleich auf den Haushalt 2027 konzentriert (STV2026/164).
Entscheidung offenIm Juni 2026 eingesetzt, die Aufgabe übernimmt der Finanzausschuss. Die Akten sollen erst bis Ende März 2027 bereitstehen, weitere Termine sind für April 2027 vorgesehen (Protokoll vom 09.09.2026).
Wartet auf die AktenHäufige Fragen zur Strafanzeige gegen Christian Vogt
Wurde Christian Vogt verklagt?
Nein. Bernd Hausmann hat eine Strafanzeige erstattet. Damit bittet er die Staatsanwaltschaft zu prüfen, ob eine Straftat vorliegt. Eine Klage vor Gericht oder eine Anklage ist das nicht. Ob es dazu kommt, entscheidet allein die Staatsanwaltschaft nach ihren Ermittlungen.
Was bedeutet Untreue?
Untreue ist in § 266 des Strafgesetzbuchs geregelt. Vereinfacht gesagt: Wer fremdes Vermögen verwalten muss und dabei seine Pflichten verletzt, sodass ein Schaden entsteht, kann sich strafbar machen. Ein Bürgermeister und Kämmerer verwaltet das Vermögen der Stadt. Ob eine Pflichtverletzung vorliegt, ob sie vorsätzlich war und ob ein konkreter Schaden entstanden ist, muss im Einzelfall geprüft werden.
Hat sich Christian Vogt persönlich bereichert?
Dafür gibt es in keiner uns bekannten Quelle einen Hinweis, und die Strafanzeige behauptet das auch nicht. Es geht um die Haushaltsführung: wie die Stadt ihre Ausgaben finanziert hat und ob Parlament und Aufsicht rechtzeitig informiert wurden.
Wer ist heute Bürgermeister von Hofheim?
Seit September 2025 ist Wilhelm Schultze (Bürger für Hofheim) Bürgermeister von Hofheim am Taunus. Er hatte Christian Vogt in der Stichwahl im März 2025 abgelöst.
Du willst wissen, was in Hofheim politisch los ist? Hier findest du alle Infos zur Kommunalpolitik in deiner Stadt und im Main-Taunus-Kreis.